Edelweißpiraten

Kurze Lederhosen, weiße Kniestrümpfe, karierte Hemden, Halstücher, außerdem ein Edelweiß als Anstecker oder am Armband. An dieser Kleidung waren „Edelweißpiraten“ zu erkennen, eine der vielen unpolitischen Jugendcliquen, bei denen sich Widerstand gegen die Nationalsozialisten durch nonkonformes Verhalten, Ablehnen von Uniform und Militarismus und sogennate „Arbeitsbummelei“ zeigte. Wenn es Aktionen gab, dann richteten sie sich in Form von Prügeleien gegen die Hitler Jugend (HJ). Viele Edelweißpiraten gehörten offiziell trotzdem der HJ an. In den ersten Jahren hatte diese neue Jugendorganisation große Anziehungskraft ausgeübt, vor allem, weil die Freizeitaktivitäten oft dieselben waren wie in anderen Jugendgruppen, die sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts gebildet hatten: Wanderungen, Fahrten, Zeltlager, Lagerfeuer u.ä. Es gab sogar eine Marine-HJ und eine Flieger-HJ, in der Jungen fliegen mit Segelflugzeugen lernen konnten. Im Gegensatz zu den Edelweißpiraten war die HJ nach Geschlechtern getrennt. Neben den gemeinsamen Aktivitäten wurden die HJ-Mitglieder auch ideologisch geschult und auf ihre Rolle in der Gesellschaft vorbereitet: Die Männer Soldaten und die Frauen Hausfrau und Mutter. Viele Jugendliche waren jedoch von der HJ enttäuscht und traten um 1936 wieder aus. Danach war dies jedoch wegen der Sanktionen schwierig.

 

Treffpunkt Volksgarten

Die „Edelweißpiraten“ traten ab 1942 in Düsseldorf vermehrt auf. Ihr Treffpunkt war der Volksgarten. Sie gehörten meist den Jahrgängen 1925 bis 1927 an und kamen aus dem Arbeiter:innenmilieu. Manchmal waren die Eltern Kommunist:innen oder Sozialist:innen. Die Jugendlichen hatten die Schule meist beendet und waren in der Lehre. Da sie die HJ ablehnten, boten die illegalen Jugendcliquen ein alternatives Milieu, um sich mit Gleichaltrigen auszutauschen, vor allem, da in Folge des Krieges die Familienverbände auseinandergerissen wurden: Väter und ältere Brüder an der Front, Mütter und Schwestern im Arbeitseinsatz.

Werner Heydn

„Unser Kreis junger Leute fand sich als Gleichgesinnte gegen den Drill der Nazis und gegen ihre politischen Ziele zusammen. Das waren Jungs aus verschiedenen sozialen Schichten. Wir trafen uns und spielten gemeinsam Lieder auf unseren Gitarren. Wir wollten einfach einfach nur wie Jugendliche leben, nach der Arbeit, auch in Nachtschichten,“ berichtet Werner Heydn, der seit 1939 bei einer Gruppe Edelweißpiraten aus Gerresheim war. Er war einer der wenigen, die Kontakt zum politischen Widerstand der KPD hatten, Flugblätter und Informationsschriften verteilten. Trotzdem sagt er: „Man sah oft keine Perspektive mehr und war manchmal sehr mutlos. Es hieß oft, dass die Nazis uns alle mit in den Untergang ziehen würden.“ Werner wurde am 19. März 1943 verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Erst kurz vor Kriegsende kam er wieder frei.

Literatur

Alfons Kenkmann. Wilde Jugend, Lebenswelt großstädtischer Jugendlicher zwischen Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus und Währungsreform. Essen, 1996.

Alfons Kenkmann. „»Kitty« aus der Kiefernstraße. Versuch einer Annäherung an die Lebenswelt eines Düsseldorfer Jugendlichen in der Endphase des »Dritten Reiches«.“ In Augenblick Nr. 6 (1994), S. 7-9.

„»Wir wollten einfach nur wie Jugendliche leben« Edelweißpiraten in Gerresheim. Werner Heydn im Gespräch mit Willy Kutz (5. März 1976).“ Bearbeitet von Angela Genger. In Erlebtes und Erlittenes. Gerresheim unter dem Nationalsozialismus, herausgegeben von der Landeshauptstadt Düsseldorf, S. 239-249. Düsseldorf, 1995.

Sascha Lange. „Meuten, Swings & Edelweißpiraten Jugendkultur und Opposition im Nationalsozialismus.“ Bonn, 2015.

Tessa Sauerwein. „Hitlerjugend (HJ), 1926-1945.“ In Historisches Lexikon Bayerns. (link)

ARD History. „Edelweißpiraten – Teenager gegen Hitler,“ Dokumentation. Das Erste, 19. Juni 2023. (link) [verfügbar bis Juni 2024]